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Startseite Geschichte Die russisch-orthodoxe Kathedralkirche in München

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Die russisch-orthodoxe Kathedralkirche in München

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Fotoalbum "Kirchenbau" -/- "Unsere Kathedrale" -/- "Kapelle Hl.Nikolaus"

Die russisch-orthodoxe Gemeinde in München schaut auf eine lange Tradition zurück. Das gilt nicht nur für die 1000-jährige Tradition seit der Taufe Russlands, die die Gemeinde 1988 mit Vorträgen und einer Ausstellung feierte, sondern auch für die Münchner Tradition.
Als im Jahre 1798 in der Ottostraße Münchens die Russische Gesandtschaft eröffnet wurde, so sollten hier - dem Brauch entsprechend – auch in der Kapelle Gottesdienste abgehalten worden sein. Wenn darüber nichts näheres bekannt ist, so ist doch historisch gesichert, dass die Gesandtschaftsmitarbeiter und deren Verwandte ab 1832 die Salvatorkirche besuchten, die vom griechischen Klerus betreut wurde. Das gilt auch und vorderhand für den Diplomat und Dichter F. I. Tjutschew (1803-1873), der in der Salvatorkirche heiratete und dort alle seine fünf Kinder taufen ließ. Von 1867-1881 gab es zusätzlich die Hauskirche des Grafen Adlerberg, die beim Umzug der Familie an den Tegernsee dorthin verlegt wurde. Diese Hauskirche war dem Hl. Nikolaus, dem Wundertäter von Myra in Lykien (Kleinasien), geweiht. Ihre Ikonostase[1] war ein Geschenk des mit der Familie Adlerberg befreundeten Zaren Alexander II. Er hatte sie und die mit ihr den Adlerbergs geschenkten liturgischen Geräte seiner Datscha in Finnland entnommen.

Die 1921 nach der Russischen Revolution von Emigranten gebildete Münchner Gemeinde des Hl. Nikolaus erhielt die Ikonostase zunächst als Leihgabe. 1942 wurde diese zusammen mit den liturgischen Geräten sowie den Priestergewändern der Gemeinde von den (nicht mehr orthodoxen) Nachkommen des Grafen Adlerberg geschenkt. Die erhaltenen Teile der Ikonostase befinden sich heute im Altarraum des orthodoxen Frauenklosters in Buchendorf bei München.Im Jahre 1922 wurde die zunächst provisorisch entstandene Hl.-Nikolaus-Gemeinde offiziell gegründet, und es begannen regelmäßig 14-tägig Gottesdienste im Saal des Mathildenstifts, Mathildenstr. 5. Die Priester kamen zum Teil aus Polen, um die Gemeinde zu versorgen. Unter ihnen war der spätere Erzbischof von Berlin und Deutschland Philotheos. Ab 1937 und bis 1971 kümmerte sich Vater Andrej Lowtschy, der im Mönchsstand den Namen Alexander erhielt, um die Münchner Gemeinde. 1942 erhielt er den Titel „Abt“, 1943 wurde er zum Archimandriten erhoben.

Das Jahr 1943 ist ein bedeutendes Jahr: Gemeint ist die Verhaftung der Gruppe des studentischen Widerstands „Weiße Rose“. Was hat diese mit der russischen Gemeinde in München zu tun? Alexander Schmorell, war einer der beiden Gründer der „Weißen Rose“. Er war ein Freund von Hans Scholl und wie dieser mit der deutschen Wehrmacht in Russland. Schmorell, als Sohn einer russischen Priesterstochter und eines deutschstämmigen Arztes 1917 in Orenburg (Russland) geboren, hatte eine lebendige Beziehung zur Münchner Gemeinde, in der er aufwuchs. Bereits 1921 war er bald nach dem Tod seiner Mutter mit dem Vater nach München gekommen. 1937 schloss er hier das Abitur ab. Nach Russland kam er erstmals wieder im Jahre 1942 – als Sanitätsfeldwebel. Die Protokolle der Gestapo-Verhöre und seine Briefe aus der Todeszelle zeugen davon, dass er als Russe und als fest im Auferstehungsglauben verwurzelter orthodoxer Christ handelte.[2] Vater Alexander Lowtschy war es, der ihm am 13. Juli 1943 in der Todeszelle die Beichte abnahm und  die Kommunion spendete, und tags darauf – nachdem Schmorell mit der Guillotine im Gefängnis Stadelheim hingerichtet worden war – ihn im engsten Familienkreis auf dem Friedhof „Am Perlacher Forst“ in der Nähe der Gräber von Scholl und Probst beerdigte.
Heute befindet sich die besagte Münchner Gemeinde in der Lincolnstrasse. Sie bildet die Südgrenze dieses Friedhofes, an dessen Nordrand das Gefängnis Stadelheim liegt. Diese Nachbarschaft zum Grab des Gemeindemitgliedes Alexander Schmorell, der zusammen mit den Neumärtyrern Russlands als Märtyrer verehrt wird, kann als Gottes Fügung bezeichnet werden. Aber davon später…Vom Juli 1941 an wurden die Gottesdienste in der Denningerstraße 5 gefeiert, wo eine Baracke der Evangelischen Kirche stand, die nicht mehr gebraucht wurde. Zunächst gelang es nicht, alle Gottesdienste zu feiern, erst im August 1942 wurde Vater Alexander Lowtschy ganz nach München versetzt, und von da an wurden alle Sonn- und Feiertage gottesdienstlich begangen. Die Gemeinde hatte 636 eingetragene Mitglieder, was bedeutet, dass es noch mehr Kirchgänger gab, denn bei weitem nicht alle lassen sich eintragen.
Die Münchner Gemeinde war aktiv: es gab eine Gemeindeschule, eine Schwestern­schaft, ein Missionskomitee, ein regelmäßig erscheinendes Gemeindeblatt (bis 1962). Während des Krieges wurden Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter („Ostarbeiter“), so weit dies möglich war, in Zusammenarbeit mit dem Berliner Missionskomitee geistlich versorgt. Ikonen und Evangelien- sowie Gebetsbücher wurden gedruckt, Aluminiumkreuzchen hergestellt. Groß waren die Schwierigkeiten dann mit Mehl und Wein für den Gottesdienst.Nach der Besetzung Griechenlands durch die deutschen Truppen war die Salvatorkirche geschlossen worden. Das Bayerische Kultusministerium war wohl nicht einverstanden damit, dass die Orthodoxen ihren Gebetsort verloren haben, und fand den Ausweg, das Gotteshaus der 1936 als Körperschaft anerkannten Russischen Auslandskirche zur Durchführung der Gottesdienste anzubieten. So wurde die Kirche wiedereröffnet am 22. Mai 1943 (im Februar 1946 wurde sie den Griechen offiziell wieder zurückgegeben). In der Kriegszeit gab es in München bereits drei Priester. Beide Gebetsorte waren überfüllt, die Zahl der Gläubigen ging in die Tausende. Am Montag der orthodoxen Karwoche, am 30. April 1945, wurde München befreit. Die Osternacht vom 5. Auf den 6. Mai mit ihrer Prozession beeindruckte Kardinal Faulhaber außerordentlich. Er konnte das Schauspiel aus seiner Residenz neben der Salvatorkirche aus seinem Fenster beobachten und erfreute sich am Gesang des großen Chores.
Unmittelbar nach dem Krieg hatte diese in zwei Kirchen ansässige Gemeinde 8 Geistliche. Aber in München war sie nur eine von 15 Gemeinden, die weitgehend aus Flüchtlingen (DPs, „displaced persons“) bestanden und meist in Lagern organisiert wurden. Im August 1946 war gegenüber der Blutenburg in München-Obermenzing das Männerkloster des Hl. Hiob von Pochaev entstanden. Auch die Bischofssynode der Russischen Auslandskirche war von 1946 bis 1950 in München ansässig (Donaustr. 5 – heute gehört das Gebäude der Vertretung Österreichs).
Die Hl. Nikolaus-Gemeinde, erhielt auf Antrag im Februar 1946 die ehemalige Markthalle (heute: Literaturhaus) neben der Salvatorkirche. Diese hatte den Amerikanern vor dem Krieg als Kirchenraum und Bibliothek gedient, war dann im Krieg geschlossen worden und durch Bombenangriffe beschädigt. Ein umfänglicher Umbau begann. Am 22. Mai 1947 – wiederum dem Fest der Übertragung der Reliquien des Hl. Nikolaus von Myra nach Bari (1187) – fand eine feierliche Weihe durch den Ersthierarchen der Russischen Auslandskirche, Metropolit Anastasij (Gribanovskij) sowie den Metropoliten Seraphim (Lade), das Haupt der deutschen Diözese, und den zum Bischof geweihten Alexander (Lowtschy) in Konzelebration mit 12 Geistlichen statt. Und doch sah die Gemeinde dies lediglich als Provisorium an: Sie hatte bereits im Jahre 1943 den Bau eines eigenen Gebäudes ins Auge gefasst. Die Währungsreform zerschlug diese Pläne. Danach hatte die Versorgung der Gläubigen durch Geistliche Vorrang.
Die Barackenkirche in der Denningerstr. musste im Oktober 1949 zurückgegeben werden. In den nachfolgenden 1950-er Jahren zogen viele der Flüchtlinge in die Auswanderungsländer (Süd- und Nordamerika, Australien) weiter. In dem Maße, wie der Bestand stetig zurückging, gewann die Hl.-Nikolaus-Gemeinde am Salvatorplatz im Zentrum Münchens an Bedeutung: Im Mai 1952 wurde Bischof Alexander zum Leiter der deutschen Diözese. Alsbald darauf, am 22. Mai d. J., wurde er zum Erzbischof von Berlin und Deutschland erhoben, und die Kirche – zur Kathedralkirche.
Schon 1957 war klar, dass die Stadt den Mietvertrag kündigen will. Aber man kam überein, dass zuvor gemeinsam eine Alternative gefunden werden sollte, und die Stadt verpflichtete sich, die Kosten des Umzugs zu übernehmen. Die Suche gestaltete sich schwierig. Für die Absicht der Stadt, aus der Kirche ein Modemuseum zu machen, konnten sich die Russen, die das gottlose Regime in der UdSSR kannten und die Umwandlung von Kirchen in Museen in der UdSSR gesehen haben, allerdings auch nicht gerade erwärmen. Immer wieder gab es neue Pläne, die aus verschiedensten Gründen scheiterten. Kein Umzug in die zerbombte Kirche in der Damenstiftstr.; kein Umzug in die Altkatholische Kirche in der Blumenstraße (heute beherbergt sie die rumänische Gemeinde); bis in den Anfang der 1980-er Jahre verhandelte man unter Leitung des neuen Bischofs Paul (Pavloff), dann des Bischofs Mark (Dr. Arndt) über das Grundstück gegenüber dem Nordfriedhof in der Ungererstraße (heute: Griechische Kirche); schließlich scheiterte auch das Projekt eines Ausbaus der denkmalsgeschützten „Interimskirche“ in Laim (Agnes-Bernauer-Str.) – der im Jahre 1988 verhandelte und unterzeichnungsreife Vertrag war kurz vor den Wahlen in der Schublade eines Abgeordneten verschwunden, während in der Zeitung davon die Rede war, dass die Laimer Bürger keine „wesensfremde Gemeinschaft“ an dem Ort haben wollten. Bald darauf verwandelten Wahlen in München die politische Landschaft und von diesem Projekt war keine Rede mehr. Die “Interimskirche” fungiert heute als Bürgertreff-Kulturzentrum.
Nachdem in der Kirche des Hl. Nikolaus am Salvatorplatz in den 1970-er Jahren die Ikonen der bereits erneuerten Ikonostase sowie andere Ikonen ausgewechselt worden waren, herrschte im Gotteshaus echte altrussische Ikonographie statt der Ölfarbe im Nachkriegsstil. Was die Zukunftspläne betraf, so wurde eine Baukommission gegründet und eine neue Spendensammlung für den künftigen Bau begonnen. Im November 1981 sprach die Russische Auslandskirche die Neumärtyrer Russlands heilig, die in der Zeit der gottlosen Herrschaft ihr Leben für Christus hingaben (das Moskauer Patriarchat vollzog eine analoge Verherrlichung im Jahr 2000). Daraufhin beschloss man, die neue Kirche den russischen Neumärtyrern zu weihen. Nach dem Scheitern der Pläne mit der „Interimskirche“ ordnete Bischof Mark regelmäßige Bittgottesdienste an die Gottesmutter und die Neumärtyrer an. Außerdem besuchte die Gemeinde das Grab von Alexander Schmorell. Nach der Vereinigung Deutschlands war seine Akte nicht mit den anderen Akten der „Weißen Rose“ in den geöffneten Stasi-Archiven gefunden worden. Wo sie sein könnte, und warum sie fehlte, blieb zunächst ein Rätsel.
Inzwischen wurde klar, dass die Amerikaner ihre Truppenstärke in Deutschland radikal kürzen würden. Die orthodoxen Russen hatten bereits ihr Augenmerk auf die amerikanische Kirche in der Lincolnstraße gerichtet, die in der amerikanischen exterritorialen Siedlung stand und allen in der US-Armee vertretenen anerkannten Religionen als Gebetsort diente. Noch wurde die Kirche verwendet, als die Hl.-Nikolaus-Gemeinde die Möglichkeit erhielt, dort auch hin- und wieder einen Gottesdienst zu feiern... Aber die an diese Aktivitäten geknüpften Hoffnungen einer Übernahme wurden enttäuscht. Aller US-Besitz ging in die Hände des Bundes über (Finanzministerium, Bundesvermögensamt, BVA). Wieder neue Verhandlungen; wieder neue Gesprächspartner. Der Innenraum der Kirche wurde zwischenzeitlich sogar für Filmaufnahmen genutzt. Und auch die Stadt hatte neue Pläne für die Räumlichkeiten am Salvatorplatz. Sie berief sich jetzt darauf, dass der Mietvertrag nach 50 Jahren endgültig auslaufen könne. Die Zeit drängte.
Im Jahre 1993 traf ein deutscher Historiker auf seine Akte in einem bislang geschlossenen Moskauer Archiv. In der neuentdeckten Gestapo-Akte eröffneten sich unzählige bislang unbekannte Details der Verhöre und der von Alexander Schmorell eingenommenen Haltung. Das ereignete sich kurz vor dem 50. Jahrestag der Hinrichtung Alexander Schmorells.
Und nun bekamen die Gespräche mit dem Bundesvermögensamt eine neue Wende. Im Dezember 1993 schließlich war der Kaufvertrag für das Grundstück und die Kirche unterzeichnet. Alsbald stellte sich heraus, dass es neben dem Grab von A. Schmorell sogar noch näher an der Kirche im Friedhof „Am Perlacher Forst“ aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs auch ein Massengrab mit nahezu 500 Menschen aus der UdSSR gibt. Die Gemeinde, die jahrzehntelang vergeblich nach einem geeigneten Ort gesucht hatte, sieht dieses Geschehen und diese Nachbarschaft als Gottes Fügung.
Die Kirche kostete mit Grundstück rund eine Million DM. Sie hatte romanische Fenster, innen aber einen Altarbogen, den man wohl amerikanisierte Gotik nennen könnte. Insgesamt war sie eine Mischung aus Basilika und Fabrikhalle. Ein Umbau war notwendig.
Zunächst wurde ein orthodoxes Kreuz vorne auf das winzige Türmchen erhoben, welches mit seinen gerippten Öffnungen zwar den Anschein hatte, ein Glöckchen zu beinhalten, aber in Wahrheit kein solches enthielt. Am 6. Februar 1994 wurde dann im Altarraum der Grundstein gesetzt, mit dem der Umbau begann, der von den Ideen dreier mit der Gemeinde eng verbundener Architekten getragen war. Für die Innenarbeiten wurden neben Bau- und Elektrofirma auch Gemeindemitglieder herangezogen.
In der ersten Umbauphase wurde der Innenraum durch einen romanischen Altarbogen, die Verkleidung der diagonalen Träger durch vertikale Säulen, die Errichtung einer Ikonostase, die Erhöhung des Altarraums und einen dreistufigen Ambo sowie zahlreiche andere Arbeiten einem russisch-orthodoxen Gotteshaus angeglichen. Auch der Gemeindesaal mit Küche bedurfte des Umbaus – aber endlich hatte man einen! Es entstanden auch dringend benötigte weitere Räumlichkeiten, u. a. für den Religionsunterricht der Kinder, der bis dahin im Männerkloster stattfand.
Das äußere Aussehen der Kirche blieb vorerst so, wie es war; lediglich die lang hinuntergezogenen Fenster wurden um ein Drittel verkürzt. Inzwischen wurden Pläne gezeichnet und am Modell ausprobiert. Zügig wurde die Gesamtgestaltung der Kirche geklärt.Zum Pfingstfest am 12. Juni 1994 zog die Hl.-Nikolaus-Gemeinde um. Die Ikonen wurden von der Gemeinde und der Altartisch von der Geistlichkeit feierlich mit einem Bus des MVV transportiert, denn die Stadt München hielt sich an die Vereinbarung und übernahm die Umzugskosten weitgehend. Nun nahm die Gemeinde den Namen der „Kathedralkirche der Heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands“ an.
Auf den ureigenen Patron, den Hl. Nikolaus, wollte man bei dieser Namensänderung allerdings nicht verzichten. Der Nordanbau sollte also zum zweiten Altar ausgestaltet und dem Hl. Nikolaus geweiht werden. Dieser kleinere Kirchenraum war für die schwächer besuchten Gottesdienste unter der Woche, vor allem in der vorösterlichen Fastenzeit geeignet. Es musste aber die Nordwand niedergerissen, die Kirche um 1,70 m verbreitert, eine Apsis für den Altarraum und ein Eingangsbereich im russischen (Pskover) Stil angebaut werden.[3] Dieser zweite Bauabschnitt begann am 4. Dezember 1995. Mit der Erweiterung der Kapelle wurden auf der Südseite der Kirche der Eingangsbereich des Saales und die Küche ausgebaut.
Am „Versöhnungssonntag“ 1997, dem Tag vor Beginn der Großen Fastenzeit wurde die kleine Weihe der Seitenkapelle vorgenommen. Zwei Tage zuvor war auch die aus Eichenholz geschnitzte Ikonostase fertig gestellt worden, in die später große Ikonen eingesetzt wurden. Am Mittwoch der Karwoche 1998 wurde eine Kuppel mit vergoldetem Kreuz auf dem Dach der Kapelle befestigt. Alle Weihen besorgte das Oberhaupt der deutschen Diözese, Erzbischof Mark. Im Jahre 2000 war die gesamte Kapelle ausgemalt. Die Motive entstammen der Vita des Hl. Nikolaus und dem Akathistos-Hymnos an die Allerheiligste Gottesmutter.
Mehr noch als beim Ausbau der Kapelle kamen bei dem Ende April 2000 begonnenen Anbau des Glockenturmes mit Eingangsbereich die eigenen Kräfte der Gemeindemitglieder zum Zuge. In das scheinbare Glockentürmchen wurde eine Wendeltreppe hineingebaut, und so verwandelte es sich in den Ausgang zur Glockenebene. Im Herbst war schließlich der mit Kreuz über 25 m hohe Turm fertig und wurde verputzt. Im Frühjahr 2001 wurde dann die gesamte Kirche außen mit Bogennischen versehen. Liebevoll verputzten Gemeindemitglieder die bisher noch gelb gestrichene Kirche rundum weiß. Am Osterfest 2001 stand sie wie eine Braut inmitten des Grüns der sie umgebenden Birken. Nun bildete die umgebaute Kirche, zusammen mit der Seitenkapelle und den Saaleingängen, eine architektonische Einheit, ähnlich wie die neuerbauten russischen Kirchen in Hamburg und Frankfurt – im Pskover Stil.
Abgesehen von den bis heute noch ausstehenden zwei Kuppeln – einer über dem Hauptschiff und einer über dem Saal – fehlten nur noch die Glocken. Ein Wunder war die Spende, die hierfür bereits eingegangen ist, als gerade erst der unverputzte Rohbau des Turmes vollendet war. 13 Glocken konnten in Russland bestellt werden. Sie wurden in der Glockengießerei der Gebrüder Schuwalow in Romano-Borisoglebsk bei Jaroslavl gegossen. Die größte, nach dem Neumärtyrer-Patriarchen Tichon benannte Glocke, wiegt 100 Pud (1760 kg) und hat einen Durchmesser von 174 cm. Am 1. Dezember 2001 wurden die Glocken auf dem Platz vor der Kirche eingeweiht und mit einem Kran an ihren Platz zwischen den Säulen der obersten zwei Stockwerke des Turms befestigt. Nach russischer Tradition werden die Glocken von Hand gespielt, gemäß den Fasten- oder Festmelodien, die jeweils vorgeschrieben sind.
Am 22. Mai 2005 erfolgte dann die die große Weihe des Altars und der gesamten Seitenkapelle durch den Ersthierarchen der Russischen Auslandskirche, Metropolit Lavr (+ 2008), in Konzelebration mit fünf Bischöfen und zwanzig Priestern. In den kommenden Jahren sollen die Innenausmalung und die Einweihung der großen Kirche folgen.
Am 29. Oktober 2007 besuchte der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Alexij II., die Münchner Kathedrale. Wegen der Christenverfolgung und Unterdrückung der Kirche im Heimatland sowie der Probleme die sich daraus ergaben, lebte die russische kirchliche Diaspora in der ganzen Welt fast neun Jahrzehnte ohne offizielle Verbindung zum Moskauer Patriarchat. Dieser von grausamen Umständen und deren Folgen aufgenötigte Zustand nahm ein Ende, als der „Akt über die kanonische Einheit der Russischen Orthodoxen Kirche“ am 17. Mai 2007 in Moskau durch Patriarch Alexij II. und Metropolit Lavr unterzeichnet wurde. Die Münchner Kathedrale war das erste Gotteshaus der Russischen Auslandskirche, in dem der Patriarch von Moskau Gottesdienst feierte.
Erzbischof Mark ist der Vorsteher der Kathedralkirche. Zwei Priester und zwei Diakone besorgen in der Kathedrale den Dienst. Allerdings müssen sie sich auch um andere Gemeinden in der Umgebung kümmern, und Gläubige aus den kleineren Gemeinden besuchen gelegentlich Gottesdienste in der Kathedrale. Die Münchner russisch-orthodoxe Kathedralkirche ist ein Zentrum für das nähere Umland. Ihr Einzugsgebiet reicht bis nach Augsburg, Garmisch-Partenkirchen, Altötting, Pfaffenhofen, und sogar darüber hinaus.
Alle Sonn- und Feiertage werden Gottesdienste gehalten. Im Schnitt gibt es an der Kathedrale jährlich 100 Taufen, 15-20 Hochzeiten und ebenso viele Beerdigungen. Zu den sonntäglichen Gottesdiensten versammeln sich ca. 250 Gläubige, während an Ostern die Besucherzahl über 1000 liegt. Die Hauptsprache bleibt das altehrwürdige Kirchenslawische, aber der Apostel und das Evangelium werden jeweils auch in Deutsch gelesen. Je Mittwochs findet ein Abendgottesdienst in Deutsch statt. Auch eucharistische Liturgien werden in deutscher Sprache gefeiert. Dazu singt der deutsche Chor. In der Gemeindeschule werden das Russische und das Kirchenslawische gelehrt. Auch die russische Geschichte und Literatur gehören zum Programm. Der Religionsunterricht wird von der ersten Klasse an und gymnasial bis zum Abitur gemäß dem vom bayerischen Kultusministerium genehmigten Lehrplan erteilt. Daher können die Religionsnoten in die Zeugnisse eingetragen werden. Im Jahre 2008 nehmen 134 Kinder an den Lehrveranstaltungen teil. Ein Kinderchor wurde aufgebaut, der gelegentlich den gesamten Gottesdienst singt. Auch eine Schwesternschaft ist an der Kirche tätig. Nach den größeren Gottesdiensten gibt es einen Mittagstisch im Saal. Mittwochabends finden Gespräche zu Glaubensfragen statt. Gelegentlich werden Vorträge gehalten. Alljährlich versammeln sich Ende Dezember, meist 26.-28., ca. 100 Teilnehmer aus verschiedenen Städten Deutschlands zu einem dreitägigen „Orthodoxen Treffen“. Dieses Treffen ist bereits Tradition. Das erste fand 1981 statt. Bis zur Eröffnung der Kathedralkirche war das Orthodoxe Männerkloster in München-Obermenzing der Veranstaltungsort. In Zusammenarbeit mit dem Kloster wird die Diözesanzeitschrift „Bote der deutschen Diözese“[4] (ebenfalls seit 1981) in beiden Sprachen, Russisch und Deutsch, herausgegeben und vertrieben.
Nach dem Zuzug neuer Gläubiger in den 1990-er Jahren hat die Kathedralkirche ihre Monopolstellung der 1970-1980-er Jahre wieder verloren. Aber selbst wenn es nunmehr in und um München mehrere russisch-orthodoxe Gemeinden und, wie gesagt, zwei Klöster gibt, ist doch die Gemeinde an der Kathedralkirche nach wie vor die größte. Insgesamt gibt es in München wieder 14 orthodoxe Gemeinden – wenn man nämlich die griechischen und rumänischen, die serbische, bulgarische und georgische dazuzählt, dann kommt man in München auf die Anzahl der russisch-orthodoxen Gemeinden, die hier einst, gleich nach dem 2. Weltkrieg bestanden. Zum Fest der Orthodoxie im Februar 2007 gab es in der Münchner russisch-orthodoxen Kathedralkirche ein Gesangstreffen, an dem 11 orthodoxe Münchner Kirchenchöre teilnahmen. Im Mai 2008 hat die Gemeinde der Kathedralkirche an der orthodoxen Veranstaltung zur 850-Jahrfeier der Stadt München  sich beteiligt. Auch die Zusammenarbeit mit dem Institut für Orthodoxe Theologie an der Ludwig-Maximilans-Universität funktioniert gut. Die russisch-orthodoxe Kathedralkirche der Hll. Neumärtyrer und Bekenner Russlands und des Hl. Nikolaus ist heute ein integraler Teil des russischen und des orthodoxen Lebens in München, und wohl des Münchner Lebens überhaupt.

Erzpriester Nikolai Artemoff

[1] Die Wand, die den Altar – das Allerheiligste – vom Kirchenraum, in dem die Gläubigen stehen trennt, enthält große Ikonen. In der Mitte ist die „Königspforte“ für die Priesterschaft, rechts und links sind Seitentüren für Diakone und Ministranten.
[2] Näheres: „Bote der deutschen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland“, Nr. 4, 1993; Alexander Schmorell, Gestapo-Verhörprotokolle, Februar-März 1943, RGWA 1361K-I-8808 [Hrsg. Igor Chramov], Orenburg 2005.
[3] Näheres s. „Die Hl.-Nikolaus-Kapelle an der Kathedralkirche der Hll. Neumärtyrer und Bekenner Russlands in München“, Verlag: Kloster des Hl. Hiob von Pochaev, München 2005.
[4] Der Artikel wurde unter Verwendung der im „Boten“ publizierten Materialien geschrieben. Der historische Teil gründet auf der Forschung von G. Seide (s. „Bote“, Nr. 3, 4, 5, 1991).

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